Rezensionen

[Rezension] “Still Alive: Sie weiß, wo sie dich findet” von Claire Douglas

Als Libby einen Flyer für einen Haustausch im Briefkasten findet, kann sie ihr Glück kaum fassen. Denn ihr Mann und sie brauchen dringend eine Auszeit. In Cornwall angekommen, sind sie überwältigt von der hochmodernen Villa, die dort einsam über der Steilküste thront. Doch dann steht nach einem Strandspaziergang die Tür der Villa offen, obwohl sich Libby sicher ist, sie geschlossen zu haben. Immer häufiger hat sie hat das Gefühl, dass jemand sie beobachtet. Und Libby weiß, das kann nur eines bedeuten: Ihre Vergangenheit ist dabei, sie einzuholen. Und das könnte sie alles kosten …


Triggerwarnung:
Kindstod, Fehlgeburt, Tod eines Haustiers, häusliche Gewalt und Missbrauch

MEINE GEDANKEN

Vor ein paar Monaten habe ich “Missing” von Claire Douglas gelesen und, obwohl ich das Buch nicht überwältigend fand, hat es mein Interesse an der Autorin geweckt, sodass ich ihren neuen Roman “Still Alive” auch lesen wollte. Tatsächlich hat mir dieses Buch dann auch deutlich besser gefallen als “Missing” und ich würde es allen Fans von gruseligen Psychothrillern ans Herz legen.

Eins ist klar, Claire Douglas hat ein paar Themen, über die sie gern schreibt: Komplizierte Frauenfreundschaften zum Beispiel, Rache, moralische Grauzonen und was es bedeutet, eine Überlebende von Missbrauch zu sein. Das sind wichtige, spannende Themen, die sie auch hier wieder sensibel und mit Kraft behandelt. Genau das mochte ich an “Still Alive” auch am liebsten. Der Roman ist ein sehr düsterer, aufwühlender Psychothriller, der jedoch keinen bestimmten Fall in den Vordergrund rückt, sondern die seelischen Abgründe all seiner Figuren.

DUNKLE GEHEIMNISSE & SPANNENDE FIGUREN

Wir lernen Libby Hall als komplizierte, aber eigentlich glückliche Frau kennen: Sie ist erst seit neun Monaten mit ihrem Mann Jamie verheiratet und die beiden sind auf dem Weg nach Cornwall, nachdem sie für eine Woche das Haus mit einem anderen Paar getauscht haben. Sehr bald bröckelt Libbys Fassade aber und es kommt viel mehr ans Licht, als ihre traurige Vergangenheit. Libby hat diesen Roman für mich getragen. Ich konnte die meisten ihrer Entscheidungen nachvollziehen und ich mochte, dass sie eine moralisch graue Heldin war, die ich trotz vieler Fehler mögen konnte. Auch Jamie hat mir an sich gut gefallen. Er wirkte, wie eigentlich alle Figuren, sehr echt und lebendig.

Ein bisschen schade finde ich, dass es gar nicht so richtig um den Häusertausch geht, der im Klappentext erwähnt wird. Der Roman ist in drei Teile aufgeteilt: Cornwall, Thailand, Bath. Im ersten Teil kommen Libby und Jamie in der Strandvilla der Familie Heywood an und mir hat richtig gut gefallen, wie düster und unheimlich diese Kapitel waren. Merkwürdige Dinge geschehen. Jemand scheint Libby in dem großen, einsamen Haus zu beobachten. Die Heywoods, das Paar, mit dem sie und Jamie die Wohnung getauscht haben, sind nicht, wer sie behauptet haben und vielleicht sind Libby und Jamie in Gefahr…

Ich hatte mich auf einen Psychothriller über Libby und Jamie und die Heywoods eingestellt – Auch, weil Libby so eine Obsession mit Tara Heywood und ihrem luxuriösen Leben entwickelt. Stattdessen geht der Roman nach ungefähr der Hälfte  aber in eine komplett andere Richtung und die Heywoods und Tara kommen eigentlich gar nicht mehr vor. Das war okay, weil ich den Aufbau und die vielen Wendungen und Geheimnisse, die ans Licht kamen, spannend und gut umgesetzt fand, aber ein bisschen schade finde ich es doch, dass viel von dem, was im ersten Teil für Spannung sorgte, später gar keine Rolle mehr spielt.

Genau wie bei “Missing” ist jedoch die Atmosphäre wieder genial gelungen. Das stürmische, einsame Cornwall im ersten Teil wird dicht und düster beschrieben und das trägt viel zur Stimmung bei, genau wie Bath, wo Libby und Jamie eigentlich wohnen und wohin die Ereignisse in Cornwall sie nach ihrer Rückkehr verfolgen. Generell gelingt Claire Douglas diesmal die Atmosphäre noch deutlich besser. Auch die Spannungen zwischen Libby und Jamies Familie tragen viel dazu bei, dass man Seite um Seite liest, um nicht nur herauszufinden, wer Libby nachstellt, sondern auch, ob sie sich gegen Jamies Mutter und seine Ex Hannah durchsetzen kann.

“WERD DOCH MAL ERWACHSEN!” – HOW ABOUT NO

Wenn mir etwas nicht gefallen hat, dann die merkwürdig starren Definitionen von “erwachsen sein”. Libby ist 29, ihr Mann James ist 30, doch die beiden lesen sich deutlich älter und Libby kritisiert Jamies Schwester Katie dafür, dass sie mit 28 noch kurze Röcke trägt (“wie ein Teenager”) und nicht weiß, was sie mit ihrem Leben machen will. Ich fand es durch und durch befremdlich, dass hier alle Figuren mit Ende Zwanzig schon verheiratet und teilweise geschieden sind, feste Jobs, eigene Häuser und Wohnungen und kleine Kinder haben und das eben auch als normal dargestellt wird – Libby und Jamie haben keinerlei Freund.innen, bei denen es nicht so ist.

Klar gibt es das, aber diese Welt ist zumindest mir so fremd und durch die Kritik an Katie hatte ich ständig das Gefühl, die Autorin verurteilt es, wenn man mit 30 noch nicht “angekommen” ist und ein gutbürgerliches Leben mit Job, Kind und Haus führt (und mit heilen Jeans, denn Jamies zerrissene Jeans findet Libby auch zu jugendlich, er ist ja schließlich schon dreißig). Dabei ist es heutzutage wirklich nicht selten, dass man sich in seinen späten Zwanzigern noch orientieren muss. Dazu kommt, dass viele Menschen einfach keinen Wunsch nach Ehe, Haus und Kind haben, was hier überhaupt nicht berücksichtigt wird.

Das hat dafür gesorgt, dass mir Libby und die anderen Figuren ein bisschen fremd geblieben sind, obwohl ich in ihrem Alter und genau die Zielgruppe des Romans bin. Sicherlich sind eigenes Haus, Kind und feste Jobs mit geregeltem Tagesablauf für einige Endzwanziger die Realität. Ich kenne jetzt persönlich kaum jemanden, aber das muss ja nichts heißen. Diese Darstellung als “So muss das sein und wer das mit Ende 20 noch nicht hat, ist ein bisschen komisch” kam mir aber gleichzeitig befremdlich, ein bisschen weltfremd und auch unnötig herablassend vor. Deshalb reite ich da auch gerade so rum, weil es mich immer wieder so angesprungen hat.

SPANNENDER GRUSELTHRILLER MIT KLEINEN MANKOS

Alles in allem ist “Still Alive” aber trotzdem ein spannender Psychothriller voller unerwarteter Wendungen und Twists, der durch seine dichte Atmosphäre und die interessanten, gut ausgearbeiteten Figuren besticht und einen praktisch zwingt, das Buch am Stück durchzulesen (was ich auch getan habe, nachdem ich “nur mal kurz reinlesen” wollte, tja). Die Handlung ging zwar in eine andere Richtung, als ich erwartet hatte, konnte mich jedoch trotzdem überzeugen und besonders die vielen Geheimnisse aller Figuren, die nach und nach ans Licht kamen, und Libbys innere Zerrissenheit haben mir sehr gut gefallen.

Irritierend fand ich das merkwürdige Bild von Menschen Ende Zwanzig, die in diesem Buch alle seriös, durch und durch erwachsen und nüchtern sind, bis auf Katie, die dafür auch sehr herablassend kritisiert wird. Als jemand, der eher wie Katie ist, als wie Libby, fand ich das befremdlich, obwohl ich vom Alter her genau die Zielgruppe des Romans bin. Das wurde durch die gute Geschichte, die spannenden Figuren und auch die dichte, düstere Atmosphäre jedoch wieder wettgemacht. Ich habe besonders geliebt, wie gruselig der Roman hin und wieder war und, dass ich die Gefahr, in der Libby schwebt, auf jeder Seite spüren konnte.

Zwar fand ich nicht alles rund, doch der Roman konnte mich trotzdem fesseln und mitreißen. Claire Douglas ist eine Thrillerautorin, die ich auf jeden Fall im Auge behalten werde, denn nicht nur schreibt sie spannende Romane, sondern auch komplex über wichtige Themen wie (oft kaputte) Frauenfreundschaften und vor allem das Schicksal von Überlebenden von Gewalt und Missbrauch. Ich würde “Still Alive” daher allen Leser.innen empfehlen, die diese Themen interessieren und die düstere Thriller mit dichter Atmosphäre mögen.


Für Fans von: Britischen Thrillern, Romanen voller Wendungen und Geheimnisse und unheimlichen Kriminalfällen


BIBLIOGRAPHIE

Still Alive: Sie weiß, wo sie dich findet | Penguin, 2019 | 978-3-328-10170-3 | 464 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Ivana Marinovic | Britische OA: Last Seen Alive, 2017

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