Own Voices: Eine Bewegung, ein Diskurs & viele Narrativen

2. April 2019Katriona

Im Moment l├Ąuft auf meiner Twitter-Timeline einmal mehr die Debatte darum, was man als Autor.in denn jetzt ├╝berhaupt noch schreiben “darf”. Ausl├Âser ist die sogenannte Own-Voices-Bewegung, die die niederl├Ąndische Autorin Corinne Duyvis 2015 mit einem Hashtag ins Leben rief: Mehr Romane von marginalisierten Autor.innen werden gefordert, besonders solche, die eigene Erlebnisse mit Diskriminierung schildern.

In der englischsprachigen Buchwelt funktioniert das auch immer besser. Viele der neuen Debutautor.innen, zumindest im Jugendbuchbereich, sind PoC oder LGBTQ, haben Beeintr├Ąchtigungen oder sind anderweitig marginalisiert und schreiben auch dar├╝ber. Diese Entwicklung ist auf dem deutschsprachigen Markt leider bisher kaum angekommen. Und leider erhitzt der Diskurs rund um Own-Voices-Romane und warum sie wichtig sind, so einige Gem├╝ter.

Deshalb m├Âchte ich heute dar├╝ber schreiben, warum wir “Own Voices”-Romane brauchen und warum es nicht darum geht, nicht selbst betroffenen Autor.innen etwas zu verbieten oder wegzunehmen. Deshalb vorweg: Ihr d├╝rft ├╝ber alles schreiben, was ihr wollt. Niemand kann euch das verbieten. Es geht gar nicht darum, euch zu etwas zu zwingen oder etwas zu verbieten.

Es geht darum, ein Bewusstsein daf├╝r zu schaffen, weshalb Own-Voices-Romane wichtig sind und warum auch gut gemeinte Romane von nicht Betroffenen mehr Schaden anrichten k├Ânnen, als man glaubt. Denn eure Romane, egal, wie gut ihr sie meint, existieren nicht in einem Vakuum. Sie stehen im Kontext zu unserer Gesellschaft und zum Literaturmarkt. Daf├╝r k├Ânnt ihr nichts, aber gerade deshalb ist es wichtig, unterdr├╝ckende Muster nicht noch (unbewusst) zu unterst├╝tzen.

DIE “WHITE SAVIOUR”-NARRATIVE UND WARUM WIR ABSTAND NEHMEN M├ťSSEN

Denn wer erz├Ąhlt denn seit Jahrzehnten Geschichten ├╝ber Diskriminierung und Unterdr├╝ckung? Richtig. Meistens nicht betroffene Autor.innen, die diese Unterdr├╝ckung selbst niemals erlebt haben oder erleben werden. Warum ist das so? Wir leben in einer Gesellschaft, die weiterhin Menschen, die wei├č, heterosexuell, cis und anderweitig privilegiert sind, bevorzugt. Auch auf dem deutschen Literaturmarkt ist das leider so.

Die Narrative ├╝ber Minderheiten und deren Unterdr├╝ckung wird eigentlich schon immer durch Menschen gelenkt, die selbst nie die Erfahrungen machen mussten, ├╝ber die sie schreiben. Dabei heraus kamen leider ├╝ber Jahrzehnte hinweg Geschichten, die Marginalisierte nicht einfach als Menschen zeigen, wie Alex in diesem Twitter-Thread sehr sch├Ân schrieb, sondern zu aller erst als Opfer von Diskriminierung.

F├╝r wen sind diese Geschichten? Sie sind nicht f├╝r Betroffene, selbst, wenn die Autor.innen vielleicht denken, sie w├╝rden f├╝r Betroffene schreiben. Sie sind vordergr├╝ndig f├╝r andere privilegierte Leser.innen, deren Bild von queeren Menschen oder auch von PoC und von deren Diskriminierung durch diese B├╝cher ma├čgeblich geformt – und verzerrt – wird. Betroffene Leser.innen aber k├Ânnen sich in diesen Romanen selten selbst wiederfinden. Diese B├╝cher haben f├╝r die Menschen, um die es wirklich geht, kaum einen Mehrwert, denn sie zeigen eine verzerrte Version ihrer Identit├Ąt, mit der sie sich nicht identifizieren k├Ânnen.

Das ist sehr problematisch, denn wenn wei├če, cis, hetero Autor.innen solche B├╝cher f├╝r andere wei├če, cis, hetero Leser.innen schreiben, in denen sich die Betroffenen, ├╝ber die geschrieben wird, gar nicht wiederfinden, dann findet der Diskurs ohne die Betroffenen statt.

Der Diskurs darf nicht weiter ohne die Betroffenen stattfinden

Dass das ein Problem ist, ist hoffentlich allen klar, denn es nimmt Betroffenen nicht nur ihre Stimme und das Recht, selbst ├╝ber die Diskriminierung zu sprechen, die ihnen widerfahren ist und widerf├Ąhrt, es ist auch sehr patronisierend: Man ist selbst betroffen, man hat viel zu sagen, doch man muss schweigend zusehen, wie nicht Betroffene sich ├╝ber die eigene Diskriminierung austauschen, oft noch Falsches weitergeben, ohne einen zu Wort kommen zu lassen. Und genau das passiert, wenn wir weiterhin B├╝cher ├╝ber Diskriminierung von nicht Betroffenen schreiben und ver├Âffentlichen lassen und Own-Voices-Autor.innen kein Geh├Âr finden.

Es geht also ├╝berhaupt nicht darum, nicht betroffenen Autor.innen etwas zu verbieten. Es geht darum, sie zu sensibilisieren, warum auch ihre gut gemeinten, gut recherchierten Romane Betroffenen selbst oft mehr schaden, als zu helfen. Es geht darum, dass sie beginnen sich zu fragen: “Ich m├Âchte diese Geschichte schreiben, aber muss ich es? Habe ich ein Recht darauf, diese Geschichte zu erz├Ąhlen?”

Mit unreflektierten Privilegien geht n├Ąmlich oft leider eine gewisse Anspruchshaltung Hand in Hand. Das ist normal, denn so lernen wir es von unserer Gesellschaft, aber er muss eben aktiv verlernt werden, dieser Anspruch, dass man alles schreiben darf, wenn man wei├č, cis, hetero und auch ansonsten nicht marginalisiert ist. Und ja, das gilt nat├╝rlich auch f├╝r wei├če, queere Autor.innen, die ├╝ber Rassismus schreiben wollen, denn wir alle m├╝ssen unsere Privilegien erkennen lernen.

Wir m├╝ssen einsehen, dass wir eben kein Anrecht auf die Unterdr├╝ckung und das Leid anderer Gruppen haben. Als nicht schwarze Person werde ich niemals verstehen k├Ânnen, wie sich das kollektive Trauma Sklaverei und Kolonialismus bis heute auf das Leben schwarzer Menschen auswirkt. Deshalb schreibe ich nicht dar├╝ber. Das ist nicht meine Geschichte, es ist nicht meine gelebte Realit├Ąt, ich habe kein Anrecht darauf.

Ich habe in der ├ťberschrift dieses Abschnitts die White-Saviour-Narrative erw├Ąhnt: Das meint eigentlich eine Geschichte ├╝ber z.B. Rassismus, in der die wei├če Hauptfigur den Tag und die PoC-Figuren rettet. Solche B├╝cher kommen oft heraus, wenn nicht Betroffene ├╝ber Betroffene schreiben. Es ist ein Problem, weil es – wieder – Betroffenen die Stimmen und die eigene Agency und Macht ├╝ber die Situation nimmt.

Es ist auch ein Problem, weil ein Mitglied der unterdr├╝ckenden Gruppe als gro├čer, barmherziger Retter der unterdr├╝ckten Gruppe gezeigt wird. Und wenn ihr als wei├če Autor.innen ein Buch ├╝ber Rassismus schreibt, selbst, wenn eure Hauptfigur betroffen ist: Ihr r├╝ckt euch selbst in die White-Saviour-Rolle. Denn ihr ├╝bt den Anspruch aus, ├╝ber dieses Thema schreiben zu d├╝rfen, obwohl es nicht eure gelebte Realit├Ąt und Unterdr├╝ckung ist, und, da wei├če Autor.innen vom Literaturmarkt bis heute bevorteilt werden, ├╝berschattet ihr auch noch die Stimmen von tats├Ąchlich betroffenen Autor.innen.

Mit LGBTQ-Themen und Queerphobie verh├Ąlt es sich nat├╝rlich genauso, sowie mit anderen Arten von Diskriminierung. Und deshalb fragt euch, wenn ihr die Aufforderung f├╝r mehr Own-Voices-B├╝cher seht, bitte nicht, warum euch marginalisierte Leute etwas “verbieten” wollen. Fragt euch stattdessen: “Habe ich wirklich Anspruch darauf, eine Geschichte ├╝ber Leid und Diskriminierung anderer Menschen zu schreiben? Muss ich das tun?” Sensibilisiert euch f├╝r dieses Thema, anstatt gleich in Abwehrhaltung zu gehen.

Ich wei├č, dass das schwer ist. Ich wei├č, dass es sich vielleicht anf├╝hlt, als w├╝rde euch etwas weggenommen werden, als d├╝rftet ihr etwas nicht mehr, was ihr immer durftet. Aber: Wenn wir einen gerechten Literaturmarkt wollen, auf dem alle Autor.innen die gleichen Chancen haben, dann m├╝ssen wir einsehen, dass es im Moment nicht so ist. Wir m├╝ssen vor allem als privilegierte, vom Literaturmarkt bevorzugte Autor.innen einsehen, dass wir ein schiefes Verh├Ąltnis nicht gerade biegen k├Ânnen, ohne unsere Vorteile aufzugeben.

PRIVILEGIEN, VERSTÄNDNIS & FEHLENDE NUANCEN

Und dann muss man sich die Frage stellen, was einem wichtiger ist: Die eigene “Ich will das aber schreiben”-Mentalit├Ąt, oder ein gerechter Buchmarkt, auf dem niemand bevorteilt oder benachteiligt wird – selbst, wenn das bedeutet, die eigenen Vorteile aufzugeben und die Geschichte ├╝ber Rassismus, die man als wei├č.e Autor.in vielleicht schreiben m├Âchte, nicht zu schreiben.

Und stattdessen denen eine Plattform zu geben, die nicht so laute Stimmen haben, wie man selbst: Own-Voices-Autor.innen, also Autor.innen, die selbst von Rassismus betroffen sind. Ich verstehe, dass das schwer ist, denn es bedeutet vor allem erstmal, sich selbst einzugestehen, dass man bevorteilt wird. Das mag niemand, denn es bedeutet auch, sich damit auseinanderzusetzen, wie man selbst davon profitiert, dass man einer bevorteilten Gruppe angeh├Ârt – und einzusehen, dass es Gruppen gibt, die eben im Umkehrschluss benachteiligt werden – und man selbst daran vielleicht unwissentlich mitgewirkt hat.

Man muss den Menschen, ├╝ber die man schreiben m├Âchte, auch zuh├Âren, wenn einem ihre Kritik nicht gef├Ąllt

Das ist am Ende am schwersten, denn nat├╝rlich mag es niemand, sich einzugestehen, dass man vielleicht trotz guter Absichten zu Unterdr├╝ckung beigetragen hat. Die L├Âsung ist aber eben keine “Ich darf trotzdem alles schreiben, weil…”-Abwehrhaltung, sondern ├╝ber seinen eigenen Schatten zu springen und zu versuchen, es von nun an besser zu machen.

Und dazu geh├Ârt, dass man den Marginalisierten, ├╝ber die man schreiben m├Âchte, auch zuh├Ârt. Wenn eine gro├če Gruppe zum Beispiel queerer Frauen sagt: “Wir m├Âchten keine tragischen Geschichten ├╝ber Queerphobie mehr”, dann ist es vermessen, sich als nicht betroffene Person hinzustellen und diese Geschichte trotzdem zu schreiben. Dann schreibt man ├╝ber Betroffene, und nicht f├╝r sie. Dann fehlt der Respekt vor den Menschen, ├╝ber die man schreibt. Und man muss sich fragen, ob man wirklich so gute Absichten hat, wie man vielleicht glaubt.

Denn, wenn ich ├╝ber Menschen schreibe, die diskriminiert werden, ohne Respekt vor ihren Meinungen und W├╝nschen, dann kann meine Geschichte noch so gut recherchiert sein und sich authentisch anf├╝hlen – Ich habe mein Privileg, meine Vorteile gegen├╝ber der unterdr├╝ckten Gruppe ausgenutzt und ich habe es getan, um ihre Geschichte zu erz├Ąhlen, anstatt ihnen zuzuh├Âren, und sie selbst erz├Ąhlen zu lassen. Und das kann niemals das Ziel sein, wenn man inklusiv schreibt.

Da m├╝ssen wir alle sehr tief in uns gehen und uns fragen: “Schreibe ich inklusiv, weil ich die Themen wichtig finde und Betroffenen helfen m├Âchte, oder schreibe ich inklusiv, weil ich selbst mich damit profilieren will?” Wer Betroffenen nicht zuh├Ârt, wem es egal ist, ob sie sich w├╝nschen, man w├╝rde die Geschichte nicht so schreiben, wie man es vorhat, der hat leider in den wenigsten F├Ąllen ersteres im Kopf, oft sicherlich auch gar nicht bewusst. Aber auch daran muss man dann arbeiten.

“Aber warum glaubst du, ich kann kein gutes Buch ├╝ber Queerphobie schreiben? Wenn man etwas erlebt haben muss, um dar├╝ber zu schreiben, dann kann man auch keine Fantasy mehr schreiben!” Darum geht es nicht. Man muss Dinge, ├╝ber die man schreiben m├Âchte, nicht zwingend selbst erlebt haben. Tats├Ąchlich habe ich noch nie mit Hilfe einer Schar Geister einen Mordfall auf dem englischen Moor aufgekl├Ąrt und schreibe trotzdem dar├╝ber.

Allerdings ist das auch etwas anderes, als zum Beispiel als cis, hetero Person ├╝ber Queerphobie zu schreiben, denn Queerphobie ist in unserer Gesellschaft so fest verankert und ein solcher Brennpunkt, dass sich ein.e nicht betroffene.r Autor.in selbst mit der besten Recherche nicht wird vorstellen k├Ânnen, wie es ist, sie Tag f├╝r Tag zu erleben. Wenn ich gute Own-Voices-Romane lese, f├╝hle ich mich verstanden und in diesem Verst├Ąndnis auch best├Ąrkt und motiviert, selbst, wenn es ein trauriger Roman ist.

Das ist mir mit einem Roman von einer nicht betroffenen Person tats├Ąchlich noch nie passiert. Sie lesen sich oft eben doch wie das, was sie sind: Die Perspektive von jemandem, der von au├čen auf das Problem schaut, nicht von innen. Das kann gut gemacht sein. Becky Albertalli zum Beispiel schreibt sch├Âne Jugendb├╝cher mit queeren Jugendlichen in den Hauptrollen und ich habe ihre B├╝cher gern gelesen.

Aber was fehlt, sind die Nuancen. Was fehlt ist das Detail. Was oft fehlt, ist ein Verst├Ąndnis f├╝r Problematiken, das Albertalli als heterosexuelle Autorin nicht hat und nicht haben kann, weil sie diese Erfahrungen nie machen musste. Dieser Artikel von Casey zu Albertallis Roman “Leah on the Off-Beat”, der dieses Jahr auch auf Deutsch erscheinen wird, und der Darstellung – und deren fehlender Nuancen – von Bisexualit├Ąt im Roman ist sehr lesenswert, um zu verstehen, was ich damit meine.

OWN VOICES & DIVERSITY: WARUM SICH DAS NICHT WIDERSPRICHT

Ich h├Âre schon wieder die Argumente, die ich auch auf Twitter gesehen habe: “Erst wollen sie, das man inklusiv schreibt, und dann darf man es doch nicht!” Aber, mitgedacht, mitgemacht, eigentlich kommt man sehr schnell drauf, dass das eben absolut nicht so ist. Ja, viele Marginalisierte w├╝nschen sich, dass auch nicht marginalisierte Autor.innen inklusiv schreiben und queere, PoC oder auch Held.innen mit Beeintr├Ąchtigungen in ihre Geschichten einbinden.

Was sie aber nicht m├Âchten, ist, dass nicht marginalisierte Autor.innen Geschichten erz├Ąhlen, die sich mit ihrer Diskriminierung und nur damit befassen, aus den oben genannten Gr├╝nden. Da besteht ├╝berhaupt kein Widerspruch. Wenn du jetzt aber denkst: “Wie soll ich denn ├╝ber eine lesbische Heldin schreiben, ohne Queerphobie zu erw├Ąhnen?”, dann ist das schon die Wurzel des Problems, denn dann musst du unbedingt noch lernen, marginalisierte Menschen nicht nur als Ausdruck ihrer Unterdr├╝ckung zu sehen.

People can write whatever they want; that goes both ways. That said, itÔÇÖs common for marginalized characters to be written by authors who arenÔÇÖt part of that marginalized group and who are clueless despite having good intentions. As a result, many portrayals are lacking at best and damaging at worst. Society tends to favor privileged voices even regarding a situation they have zero experience withÔÇöjust consider the all-white race panels on talk shows. All #ownvoices does is center the voices that should matter most: those being written about. | Corinne Duyvis

Man kann einen Fantasyroman ├╝ber eine lesbische Prinzessin schreiben, der sich nicht um ihre Diskriminierung dreht, sondern darum, dass sie sich wehrt, nur als politischer Spielball ihres K├Ânigreichs benutzt zu werden (“Eine Krone aus Feuer und Sternen” von Audrey Coulthurst). Man kann auch einen Thriller schreiben, in dem die hetero Heldin einen schwulen Bruder und eine bisexuelle Freundin hat, die ihr aktiv helfen, einen Mord aufzukl├Ąren, ohne, dass sich das Leben dieser beiden Figuren nur – oder ├╝berhaupt – um ihre Unterdr├╝ckung drehen muss (“Two Can Keep A Secret” von Karen M. McManus). Das ist die Art Repr├Ąsentation, die sich viele Marginalisierte w├╝nschen. Und als nicht marginalisierte.r Autor.in kann man diese Form von Diversity, von Inklusion, sehr gut liefern.

“Aber ich m├Âchte einen Roman ├╝ber Homophobie schreiben, weil mir das Thema wichtig ist.” Okay, das ist l├Âblich. Aber wie gesagt: Tu das nicht ├╝ber die K├Âpfe derer hinweg, ├╝ber die du schreibst. Nat├╝rlich sind auch marginalisierte Menschen nicht durch Schwarmdenken verbunden, sondern haben alle eigene Meinungen zu diesem Thema. Aber, wenn du ├╝ber eine Gruppe Menschen schreibst, dann h├Âre ihnen zu und richte dich danach, wie der Grundtenor innerhalb dieser Gruppe ist.

“Queere Frauen wollen keine weiteren Romane ├╝ber Queerphobie von nicht Betroffenen lesen, aber ich schreibe trotzdem einen, weil mir das so wichtig ist” ist in meinen Augen ein unglaublich merkw├╝rdiges Argument, denn dann sind wir wieder am Anfang, bei der Frage, f├╝r wen du schreibst. N├Ąmlich f├╝r dich und andere nicht Marginalisierte ├╝ber Marginalisierte. Aber eben nicht f├╝r Marginalisierte, denn du sagst ja selbst, dass es dir egal ist, ob sie diese Geschichte wollen. Aber findest du nicht, dass Betroffene das Recht haben, sich von Romanen ├╝ber sie auch angesprochen zu f├╝hlen?

“Aber das Thema Homophobie ist mir so wichtig, was kann ich machen, wenn ich nicht selbst dar├╝ber schreibe?” Du kannst weiterhin divers und inklusiv schreiben. Die meisten Marginalisierten w├╝nschen sich von allen Autor.innen Geschichten mit inklusivem Cast, die sich gerade nicht nur um ihre Diskriminierung drehen, denn auch sie wollen beim Lesen ein bisschen Eskapismus betreiben.

Ein gutes Beispiel ist hier Rick Riordan, der in seinen B├╝chern schon lang marginalisierte Figuren Held.innen sein und sie Abenteuer erleben l├Ąsst, ohne sie auf ihre Diskriminierung zu reduzieren. Dar├╝ber hinaus kannst du Own-Voices-Romane zu den dir wichtigen Themen lesen und deine Plattform nutzen, um sie weiterzuempfehlen. Eben, weil sie marginalisiert sind und generell benachteiligt werden, werden Own-Voices-Autor.innen oft nicht so gut geh├Ârt, wie nicht marginalisierte Autor.innen. Das kannst du ├Ąndern, indem du ihre B├╝cher empfiehlst oder ihre Texte teilst.

LASST BETROFFENE SELBST SPRECHEN

“Aber wieso d├╝rfen dann zum Beispiel queere Frauen Romane ├╝ber hetero Frauen schreiben?” Weil hetero Frauen zumindest f├╝r ihre sexuelle Orientierung nicht diskriminiert werden. Romane existieren nie au├čerhalb unseres gesellschaftlichen Vakuums. Soziale Ungleichheiten beeinflussen immer wie unsere Romane gelesen werden und wie sie im Vergleich zu anderen Romanen dastehen.

Eine Freundin brachte einen sehr guten und wichtigen Punkt an, den ich euch zum Schluss auch noch gern mitgeben m├Âchte: Unsere Gesellschaft ist heteronormativ gepr├Ągt. Wir alle lernen von klein auf, uns mit hetero, cis Erfahrungen zu identifizieren. Deshalb f├Ąllt es einer lesbischen Frau leicht, einen Roman ├╝ber eine hetero Frau zu schreiben. Andersrum ist das aber nicht der Fall: Wir haben eben kaum Medien, die die Lebensrealit├Ąt queerer Frauen authentisch darstellen. Es wird von hetero Frauen auch nicht erwartet, sich mit queeren Frauen zu identifizieren. Und deshalb fehlt das Verst├Ąndnis, von dem ich oben gesprochen habe.

W├╝rden wir nicht in einer heteronormativen Gesellschaft leben, die Queerness unterdr├╝ckt und als etwas unnormales, anderes darstellt, g├Ąbe es keine Queerphobie, w├Ąre es kein Problem, wenn auch hetero Autor.innen ├╝ber queere Personen schreiben w├╝rden. Wir leben aber nun einmal in dieser Gesellschaft und wir sind alle gepr├Ągt von ihr. Das ist der Grund, warum ich denke, dass eine nicht queere Person niemals genau wird nachvollziehen k├Ânnen, was es wirklich bedeutet, queer zu sein.

Es h├Ąngt zu viel Geschichte daran, zu viel gesellschaftlicher Kontext, ja, zu viel kollektives Trauma, das sich nicht aufarbeiten und vollst├Ąndig recherchieren l├Ąsst, wenn man nicht Teil dieser Gruppe ist. Hoffentlich wird das eines Tages anders sein. Aber solang es so ist, bestehen die Probleme, die ich in diesem Post besprochen habe und unsere Romane stehen immer im Kontext dieser sozialen Probleme. Deshalb m├╝sst ihr Betroffenen zuh├Âren und sie vor allem selbst die Narrativen ├╝ber ihre eigene Unterdr├╝ckung lenken lassen. Damit wir irgendwann eine solche Gesellschaft erreichen k├Ânnen.

Ich wei├č, dass ich mit diesem Beitrag die in ihren Meinungen (und leider auch in ihrem Anspruchsdenken) festgefahrenen Autor.innen nicht erreichen werde. Ich hoffe aber, dass ich zumindest ein paar Autor.innen erreichen und generell erkl├Ąren konnte, warum es eben nicht darum geht, etwas zu verbieten, sondern darum, ein Bewusstsein f├╝r soziale Ungerechtigkeiten, auch auf dem deutschen Buchmarkt, zu schaffen.

Es gibt gute Gr├╝nde, warum marginalisierte Leser.innen keine Geschichten ├╝ber ihr Leid und ihre Diskriminierung von nicht betroffenen Autor.innen lesen m├Âchten. Diese Gr├╝nde sind im gesellschaftlichen Kontext, in dem diese Romane existieren, verankert und am Ende auch einfach in unseren Erfahrungen selbst, denn egal wie gut ein Roman recherchiert ist, was es wirklich bedeutet, als marginalisierte Person in unserer westlichen Gesellschaft zu leben, kann eine nicht betroffene Person einfach nicht nachvollziehen und das merkt man den Romanen auch an.

Nicht Betroffene m├╝ssen Betroffene mit ihren Romanen nicht retten. Lasst Betroffene endlich selbst sprechen.

Das hei├čt nicht, dass marginalisierte Leser.innen sich von nicht marginalisierten Autor.innen keine Repr├Ąsentation w├╝nschen. Wenn dir als nicht betroffener Person Themen wie Rassismus, Queerphobie und dergleichen wichtig sind, dann schreib Romane, in denen marginalisierte Figuren Held.innen sein und Abenteuer erleben d├╝rfen, genauso wie nicht marginalisierte Held.innen. Deine guten Absichten in allen Ehren, aber: Du musst uns nicht retten. Du musst die Geschichten unserer Diskriminierung nicht erz├Ąhlen, um uns zu helfen.

Hilf, indem du marginalisierten Leser.innen, die weniger geh├Ârt werden, als du, eine Plattform gibst. Am Ende k├Ânnen Romane helfen, das Bild, das nicht Betroffene von Betroffenen haben, zu ver├Ąndern. Und wir brauchen Own-Voices-Romane um das verzerrte, stereotype und manchmal sogar romantisierte Bild, das nicht Betroffene ├╝ber Jahrzehnte hinweg mit ihren Romanen geschaffen haben, geradezur├╝cken. Wir brauchen die Narrativen von Betroffenen, um echtes Verst├Ąndnis f├╝r die Lebensrealit├Ąten marginalisierter Gruppen zu schaffen.

Im Anhang findet ihr Links zu weiteren Texten zum Thema und ich w├╝rde euch raten, sie ebenfalls zu lesen, denn in einigen wird nochmal an Einzelbeispielen gut und verst├Ąndlich aufgef├╝hrt, warum auch gut recherchierte Romane von nicht Marginalisierten die marginalisierten Leser.innen niemals so gut erreichen werden, wie Own-Voices-Romane.


Beitragsbild: Fabiola Peñalba, Unsplash


Weiteres Material:

St├╝rmische Seiten | Diversity 101: Wieso wir alle divers schreiben sollten

Buechnerwald | Als AutorIn darf ich alles –┬á Stimmt das?

Corinne Duyvis | FAQ zum #ownvoices von seiner Erschafferin

Verloren im Feuer┬á|┬áTrans* M├Ąnner (und trans* maskuline Personen) schreiben ÔÇô Teil 1

Caroline Grace Stefko | Nuanced Rep and the Need for #OwnVoices Books

Casey the Canadian Lesbrarian | Bisexual Erasure and Monosexism in Rainbow Rowell’s Carry On

Book Riot | Our Own Voices, or Why Not All Diverse Stories Are Created Equal

Comments (2)

  • Nadine

    16. Januar 2019 at 21:47

    Danke f├╝r diesen interessanten Text! Ein wichtiges Thema, dass du gut erkl├Ąrst, ohne den erhobenen Zeigefinger auf Leute, die es anders sehen. Klar kritisierst du es, aber es bleibt auf einer sachlichen Ebene, ich hoffe du wei├čt was ich meine ­čÖé

    Als nicht betroffene Person muss man sich viel h├Ąufiger vor Augen f├╝hren, wie man sich selbst f├╝hlen w├╝rde in der Situation. Banales Beispiel: ich wurde damals in der Schule gemobbt. Wenn ich jetzt ein Jugendbuch mit diesem Thema lese & vermutlich der*die Autor*in selbst nie Mobbing ausgesetzt war, macht mich diese, in meinen Augen, falsche Darstellung immer furchtbar w├╝tend & ich denke mir, was f├╝r einen Mist da bitte geschrieben wurde.

    Danke f├╝r die Verlinkung des Artikels zu “Leah on the off beat”. Bisher habe ich das Buch zwar noch nicht gelesen, aber es wartet in meinem Regal auf mich. Ich mochte Love, Simon trotz seiner Realit├Ątsferne. Auf den zweiten Teil habe ich mich gefreut, als ich gelesen habe, dass es sich um eine bisexuelle Protagonistin dreht. Ich kenne einfach kein Jugendbuch mit einer bisexuellen Protagonistin! Deswegen hatte ich mich sehr gefreut, aber mal sehen wie die Umsetzung ist…

    So ist jetzt doch l├Ąnger geworden. Eine sch├Âne Woche dir noch!
    Liebe Gr├╝├če, Nadine

    1. Katriona

      17. Januar 2019 at 14:34

      Hi Nadine! Den Vergleich finde ich sehr gelungen. Es geht ja in beiden F├Ąllen darum, das jemandem Gewalt angetan wird und die Person dann machtlos zusehen muss, wie nicht Betroffene diese Gewalt falsch darstellen, w├Ąhrend man selbst nichts dazu sagen kann, weil niemand zuh├Ârt.

      Ich mag Albertallis Romane, auch, wenn ich einiges kritisch sehe, und genau wie die Autorin des Artikels finde ich es toll, dass Albertalli ├╝berhaupt eine bisexuelle Figur geschrieben hat. Albertalli ist in meinen Augen auch eine der selbst nicht betroffenen Autor.innen, die am n├Ąhsten dran ist mit ihren Darstellungen, aber es fehlt nat├╝rlich trotzdem einiges an Feingef├╝hl und das ist auch normal. Aber ich mag ihre B├╝cher, obwohl ich einiges zu kritisieren habe, es muss ja nicht immer alles 100% perfekt oder 100% schlecht sein. ­čÖé Ich hoffe, dass dir das Buch gefallen wird!

      lG,

      Kat

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