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[Rezension] “Eine wie wir” von Dana Mele

Kay Donovan ist siebzehn und hat ihr Leben am Bates-Internat in Neuengland neu eingerichtet. Doch als ihre Clique die MitschĂŒlerin Jessica Lane tot auffindet, Ă€ndert sich alles und Kays sorgsam konstruiertes Dasein beginnt zu bröckeln. Denn Jessica hat Kay einen verschlĂŒsselten »Racheblog« hinterlassen, in dem nahezu alle verdĂ€chtigt werden, die etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnten. Und Kay soll alle Betreffenden mit ihren Vergehen konfrontieren – tut sie dies nicht, wĂŒrden alle anderen von Kays Geheimnis erfahren 



Triggerwarnung:
Sexualisierte Gewalt, Suizid, Fatshaming, Doping

MEINE GEDANKEN

“Eine wie wir” habe ich bereits Ende 2018 im englischen Original gelesen und seitdem warte ich sehnsĂŒchtig darauf, dass der Roman auch auf Deutsch erscheint, damit ich ihn euch empfehlen kann. An dieser Stelle möchte ich mich mal herzlich beim Arctis-Verlag bedanken, der in letzter Zeit dadurch aufgefallen ist, dass er vielen YA-Titeln mit queeren Held.innen eine Chance gibt. Ich wĂŒnschte, mehr grĂ¶ĂŸere Verlage wĂŒrden das tun, damit auch deutschsprachige Leser.innen Zugang zu BĂŒchern wie “Eine wie wir” bekommen.

ANTIHELDIN & ALPHA BITCH

Das Tolle an “Eine wie wir” ist, dass es ein Jugendthriller ĂŒber Privilegien und das Bewusstsein darĂŒber ist, der zufĂ€llig eine Menge queere Figuren hat. Es ist kein Buch ĂŒber Coming Out, es problematisiert die Queerness der Ich-ErzĂ€hlerin Kay und ihrer besten Freundin Bri nicht und wĂ€hrend auch solche BĂŒcher natĂŒrlich wichtig sein können, brauchen wir auch mehr, die queere Menschen einfach mal Held.innen sein lassen.

Nicht, dass Kay jetzt eine große Heldin wĂ€re. Sie ist viel eher eine klassische Antiheldin. Kay stammt aus Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen, hat jedoch einen Platz an einem Eliteinternat bekommen und dort alles daran gesetzt, einen Weg in die It-Clique der Schule zu finden. Kay ist ein mean girl, wie es im Buche steht und könnte es wahrscheinlich sogar mit Regina George aufnehmen, aber genau das mochte ich. Es gibt in “Eine wie wir” eigentlich keine wirklich sympathische Figur.

Alle haben irgendwelche Geheimnisse oder dunkle Seiten, die nach und nach zum Vorschein kommen. So auch Kay. Was mir sehr gut gefallen hat, ist, dass Dana Mele einerseits mit Kay das Trope der Alpha Bitch dekonstruiert, indem sie ihr eine Stimme gibt: Wieso gibt es mean girls? Was bringt sie dazu, gemein zu sein? Ich fand sehr gut aufgeschlĂŒsselt, wie solche Menschen sich selbst und andere sehen. Gleichzeitig entschuldigt Dana Mele nichts. Kays RĂŒcksichtslosigkeit und ihre “Scherze” auf Kosten anderer haben Konsequenzen fĂŒr sie, die vielleicht nicht fĂŒr alle offensichtlich sind, die Kay aber immer wieder einholen.

Ja, Kays Ich-Perspektive ist gewöhnungsbedĂŒrftig, denn sie ist selbstsĂŒchtig und arrogant. Als sie und ihre Freundinnen ĂŒber die Leiche einer anderen SchĂŒlerin stolpern, ist Kays erster Gedanke nicht Mitleid, sondern die Überlegung, wie der Mord sie beeinflussen wird. Als sie das Racheblog entdeckt, den das tote MĂ€dchen ihr hinterlassen hat, das ihr auftrĂ€gt die Geheimnisse ihrer Freundinnen zu verraten, damit ihr eigenes geschĂŒtzt bleibt, zögert Kay nicht lang und liefert ihre Freundinnen ans Messer, um sich selbst zu retten.

Das kann man kritisieren und ich habe auch schon viele Rezensionen gelesen, die Kay zu unsympathisch fanden. Ich fand es jedoch genial, denn am Ende ist Kay das Produkt einer Gesellschaft, die ihr eingeredet hat, sie ist nichts wert, wenn sie nicht beliebt, reich und schön ist. Also wird sie diese Person und das hat Folgen.

Nicht, dass ihre Freundinnen besser sind. Es wĂ€re hier so einfach gewesen, die MĂ€dchen aus Kays Clique als oberflĂ€chliche mean girls zu schreiben und wieder misogyne Klischees zu bedienen, doch obwohl die MĂ€dchen unsympathisch sind, gelingt es Dana Mele ihre Motivation, ihre WĂŒnsche und Ängste herauszuarbeiten. Einerseits lernt man zu verstehen, wieso sie so handeln, wie sie eben handeln, andererseits wird aber auch immer wieder klar, dass sie eben reiche, privilegierte MĂ€dchen sind, die wohl noch nie im Leben darĂŒber nachgedacht haben, was das bedeutet. Hier funktioniert Kays Ich-Perspektive sehr gut, weil sie nicht aus dieser Welt kommt und das deshalb besser erkennen kann, als ihre Freundinnen.

TOLLER ROMAN, MITTELMÄSSIGES ENDE

Kay ist außerdem eine ErzĂ€hlerin, der man nicht vertrauen darf. Sie hĂ€lt absichtlich Informationen zurĂŒck, nicht nur vor der Polizei, sondern auch vor den Leser.innen, als wollte sie, dass man sie mag und sie bemitleidet. Und das tut man auch, bis dann rauskommt, dass eine Situation doch ganz anders war, als sie sie zuerst dargestellt hat.

Dana Mele macht das handwerklich sehr gut. Es ist leicht bei solchen Stilmitteln durcheinander zu kommen oder sie platt zu benutzen, sodass die LĂŒgen willkĂŒrlich wirken, aber nicht hier. Die Dinge, ĂŒber die Kay lĂŒgt, sind Dinge, auf die sie nicht stolz ist, die sie vor sich selbst aber nicht richtig eingestehen kann. Im Verlauf des Romans lernt sie, mit der Schuld umzugehen, und dann sagt sie auch die Wahrheit. Ich fand das toll, weil es “Eine wie wir” noch zehnmal spannender gemacht hat, denn vielleicht lĂŒgt Kay ja auch, wenn sie sagt, sie hat das MĂ€dchen nicht ermordet…

Dana Mele nimmt sich hier einer Reihe von wichtigen, aber schwierigen Thematiken an. Privilegien, Mobbing und Freundschaft stehen im Vordergrund, aber es werden auch soziale Themen angesprochen, die im Moment sehr wichtig sind, zum Beispiel der Umgang mit sexuellem Missbrauch und die Verantwortung, die man Überlebenden gegenĂŒber hat. Dana Meles Bearbeitung dieser Themen geht – meistens – auf.

Leider fehlt auf knapp 350 Seiten einfach der Platz, um sie alle so sensibel aufzuschlĂŒsseln, wie es nötig gewesen wĂ€re, weshalb einiges ein bisschen nach hinten losgeht, zum Beispiel der Versuch, Fatshaming anzukreiden. Eine von Kays Freundinnen war mal dick und Kay sagt, dass sie jetzt schön ist, es vorher aber auch war, aber fĂŒr ihren Körper gemobbt wurde. Doch diese Problematik bekommt gar keinen Raum, weshalb ich fast wĂŒnschte, Dana Mele hĂ€tte sie außen vor gelassen, denn das hĂ€tte mehr FingerspitzengefĂŒhl gebraucht.

Auch nicht so gut gefallen hat mir, wie die Polizei dargestellt wird. Mal ehrlich, in fast jedem YA-Thriller sind Polizist.innen unfĂ€hige AnfĂ€nger, die Hilfe von Jugendlichen brauchen, um einen Fall zu lösen. Hier geht es so weit, dass die Polizistin Kay verdĂ€chtigt und sich komplett auf sie einschießt, obwohl es dafĂŒr ĂŒberhaupt keine Anzeichen gibt. Gleich von Anfang an, als Kay und ihre Freundinnen die Leiche finden und die Polizei verstĂ€ndigen, stellt die Polizistin Kay Fangfragen und so geht es dann auch weiter.

StĂ€ndig befragt sie Kay (verbotenerweise), ohne, dass eine erwachsene Person dabei ist, stĂ€ndig versucht sie mit pointierten Fragen Kay dazuzubringen, etwas zu sagen, was sie belasten könnte. Ich weiß, dass es solche Polizist.innen gibt und ich hĂ€tte diesen Konflikt sicherlich spannend gefunden, wenn die Polizistin mehr Grund gehabt hĂ€tte, Kay zu verdĂ€chtigen. Hatte sie aber nicht und das wirkte bald einfach wie ein billiger Versuch, mehr Spannung zu erzeugen.

Generell muss ich sagen, dass mir auch das Ende nicht ganz so gut gefallen hat. Ich habe nicht erraten können, wer jetzt wirklich der Mörder ist, aber ich fand besonders das Motiv dann leider sehr weit hergeholt. Das ist jetzt aber sehr subjektiv, denn ich mag es persönlich gar nicht, wenn YA-Thriller so abheben, nur, damit das Motiv am Ende besonders ist. Mir wĂ€re eine komplexere, etwas naheliegendere Lösung lieber gewesen, einfach, weil es glaubhafter und runder gewesen wĂ€re, als… das.

Spoiler fĂŒr's Ende
Vor allem hat mir nicht gefallen, dass mal wieder das Trope, das Opfer zu TĂ€ter.innen werden, bedient wurde. Das steht einem Roman, der eine starke Anti-Mobbing-Schiene fĂ€hrt irgendwie nicht gut, vor allem, weil natĂŒrlich auch wieder psychische Probleme mit reinspielen und diese Stigmatisierung geht mir generell auf die Nerven. 

Trotzdem ist “Eine wie wir” ein Jugendthriller, der sich lohnt. Im Mittelpunkt stehen Schuld, Freundschaft und die Verantwortung, die Privilegien bringen, und der Roman dekonstruiert das Trope der Alpha Bitch, ohne solch ein Verhalten zu entschuldigen. Mobbing und seine Konsequenzen werden verstĂ€ndlich besprochen und die ReprĂ€sentation von queeren MĂ€dchen ist sehr gut.

Der Roman hat ein paar Probleme und es gab einiges das mir nicht so gut gefallen hat, doch am Ende ist er eine komplexe, dĂŒstere Geschichte und es lohnt sich nicht unbedingt nur fĂŒr den spannenden Fall ihn zu lesen, sondern vor allem fĂŒr seine Figuren jenseits von gut und böse und ihre Beziehungen untereinander, fĂŒr die Auseinandersetzung mit Schuld, (zerbrechlicher) Freundschaft und Verantwortung und natĂŒrlich fĂŒr die gute ReprĂ€sentation.

Ich wĂŒrde den Roman allen Leser.innen empfehlen, die Jugendthriller und Internatsgeschichten mögen und nach einer etwas anderen Geschichte in diese Richtung suchen. “Eine wie wir” wird nicht mein neues Lieblingsbuch, doch ich habe es trotzdem gern gelesen und bin sehr gespannt, was von Dana Mele in Zukunft noch kommen wird.


FĂŒr Fans von: Internatsgeschichten, “Pretty Little Liars” & Antiheldinnen


BIBLIOGRAPHIE

Eine wie wir | Arctis, 2019 | 978-3-03880-021-7 | 352 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Franziska Jaeckel | Amerikanische OA: People Like Us, 2018

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2 Comments

  • Reply Yvonne

    Weißt du, was ich bei dieser Rezension klasse finde? Du hast dich inhaltlich so gut mit dem Buch befasst und es trotzdem geschafft, mich nicht zu spoilern 😀
    Einerseits hast du mir auch richtig Lust auf das Buch gemacht (gut, ich war vorher schon interessiert), andererseits kann diese Mean-Girl Perspektive funktionieren oder auch nicht. Theoretisch finde ich die Idee klasse, aber mal schauen, ob das dann auch was fĂŒr mich ist. Ich werde es mir auf alle FĂ€lle mal ausleihen 🙂
    Liebe GrĂŒĂŸe
    Yvonne 🙂

    3. MĂ€rz 2019 at 08:16
    • Reply Katriona

      Danke! Das ist genau das, was ich immer erreichen möchte: Detailliert rezensieren, ohne zu spoilern. Schön, dass es geklappt hat. <3 FĂŒr mich hat die Mean-Girl-Sache hier geklappt, ich hoffe, es wird dir auch gefallen, falls du es liest,

      lG, Kat

      10. MĂ€rz 2019 at 11:35

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